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Die Rolle des Aasfressens in der Ernährungsevolution des Menschen

Referentin: Dr. Briana Pobiner (Smithsonian National Museum of Natural History)
Veranstalter: University of Cambridge Archaeological Field Club
Datum: Februar 2023
Video-Link: Watch on YouTube

Überblick

Dr. Briana Pobiner untersucht die Entwicklung der menschlichen Ernährung, mit besonderem Fokus darauf, wie frühe Homininen auf den Verzehr von Fleisch großer Tiere umstiegen und welche Rolle das Aasfressen bei diesem Wandel spielte.

Wichtige evolutionäre Veränderungen in der menschlichen Ernährung

Laut Dr. Pobiner gibt es drei Hauptmeilensteine in der Entwicklung der menschlichen Ernährung [00:02:12]:

  1. Verzehr großer Tiere: Entstand zwischen vor 2,9 und 3,4 Millionen Jahren.
  2. Kochen von Nahrung: Hinweise, die bis etwa 1 Million Jahre zurückreichen.
  3. Domestikation: Ackerbau und Tierhaltung seit etwa 12.000 Jahren.

Einzigartige Merkmale der Homininen-Karnivorie

Der Fleischverzehr bei Homininen unterscheidet sich in mehreren Punkten deutlich von anderen Primaten [00:03:16]:

  • Werkzeugabhängigkeit: Unsere Zähne sind nicht auf das Zerreißen von zäher Haut ausgelegt; Steinwerkzeuge waren entscheidend, um Fleisch zu schneiden und an Mark zu gelangen.
  • Beutegröße: Im Gegensatz zu Schimpansen, die kleine Beute jagen, zielten Homininen auf deutlich größere Tiere ab.
  • Verzögerter Verzehr: Homininen transportierten Nahrung an bestimmte Orte zur späteren Konsumation oder zum Teilen, statt sie sofort zu verzehren.

Die Debatte: Jagen vs. Aasfressen

Historisch dominierte die „Man the Hunter“-Hypothese das Feld und nahm an, dass Jagen die menschliche Evolution vorantrieb [00:07:29]. Spätere Forschungen führten jedoch zu alternativen Modellen:

1. Passives Aasfressen [00:31:04]

Warten, bis ein Primärprädator (z. B. ein Löwe) seine Mahlzeit beendet hat, und dann die Reste verzehren.

  • Ertrag: Oft als gering eingeschätzt, aber Dr. Pobiners Forschung zeigt, dass selbst bei „abradierten“ Kadavern — z. B. einer Gnu-Kadavert — noch über 2.200 Kalorien aus verbleibenden Fleischstücken gewonnen werden können — ausreichend, um einen Homo erectus einen ganzen Tag zu ernähren [00:43:27].

2. Konfrontatives Aasfressen [00:31:52]

Prädatoren von einer frischen Trophäe zu vertreiben, um Zugriff auf hochwertiges Fleisch zu erhalten, bevor es verzehrt wird.

Zooarchäologische Hinweise

Wissenschaftler identifizieren hominine Aktivitäten durch spezifische Markierungen an fossilen Knochen [00:11:43]:

  • Schnittspuren: Entstehen durch das Zerschneiden von Fleisch mit Steinwerkzeugen.
  • Schlagspuren: Entstehen durch das Aufbrechen von Knochen, um Mark zu gewinnen.
  • Zahnspuren: Hinterlassen von Raubtieren wie Hyänen oder Löwen.

Wichtige Befunde

  • Kanjara South (vor 2 Millionen Jahren): Zeigt früheste Hinweise auf wiederholte, systematische Verarbeitung von Kadavern für Fleisch und Mark [00:18:54].
  • Der „Homo erectus“-Mythos: Eine groß angelegte Analyse ergab keinen plötzlichen, anhaltenden Anstieg des Karnivor-Verhaltens, der eindeutig mit dem Auftreten von Homo erectus verknüpft wäre. Stattdessen scheinen die Befunde stärker damit verbunden zu sein, wie gut bestimmte Fundstellen untersucht sind [00:25:00].

Fragen für zukünftige Forschung

Dr. Pobiner schlägt neue Forschungsrichtungen vor [00:45:45]:

  • Wie vorhersehbar war die Verfügbarkeit von Kadavern in antiken Landschaften?
  • Ab welchem Punkt führte der Fleischverzehr zu komplexem sozialem Verhalten wie Teilen von Nahrung?
  • Wie lange blieb ein Kadaver essbar, bevor er pathologisch gefährlich wurde?

Zusammenfassung basierend auf dem Seminar des University of Cambridge Archaeological Field Club.